… oder aus den Memoiren eines Bratwurst-Junkies
Da gönne ich mir mal zwei Wochen Urlaub um einfach nur zu entspannen und nehme mir fest vor, den Computer keines Blickes zu würdigen, und was passiert? Da schleichen sich die Lebensmittel-Sommerl
och-Parolen (LSP`s!) frech von der Seite an. Tatsächlich, ich habe es dennoch geschafft. Zwei Wochen Internetabstinenz, eine wahre Meisterleistung! Doch wer nun glaubt, dass ich den Sommerloch-Meldungen entfliehen konnte der irrt! Ich sitze also gemütlich mit meiner Frau im Urlaub in den morgendlichen Sonnenstrahlen am Frühstückstisch. Ich schlage die Zeitung auf – und da sind sie schon, die Plagegeister! Die LSP`s springen mir entgegen, in meine Augen und hinein in meinen entspannten Urlauberkopf.
Popeye als „Starschnitt“ über eine ganze DIN A 2 Seite der Süddeutschen Zeitung mit der fett gedruckten Überschrift „Die große Spinat-Verschwörung“. Alles Schwindel: Spinat doch nicht gesund! Genartionen betrogen! Wer durfte dieses wohlschmeckende Leibgericht nicht als Kind, unter strenger elterlicher Aufsicht genießen? Also schnell die Zeitung zugeschlagen. Wollte ich mich doch im Urlaub nicht mit derartigen Schlagzeilen beschäftigen.
Was soll`s, ist ja Urlaub und hier wird es schon etwas anderes geben. Die Frankfurter Allgemeine muss jetzt her. Immerhin – ich komme bis Seite 38 bevor mich der Artikel „Psychologie im Supermarkt – Warum wir kaufen, was wir kaufen“ entdeckt hat und mir das Verhalten des Supermarkt-Kunden näher bringt. Genervt überschlage ich die Seite und blättere schnell um, tue so als hätte ich den Beitrag übersehen. Doch hinter der nächsten Ecke lauern schon die Seiten 48-51, und die haben es faustdick hinter den Eselsohren. Über die komplette Doppelseite hinweg erstreckt sich anklagend die Überschrift: „Salat. Nicht mal ein Gemüse“.
Wieder dieses betrügerische Grünzeug! Oder sollten hier etwa die Sommerlöcher der Medien mit unschuldigen Salatblättern gestopft werden?? Wie dem auch sei, dem Salat sollte es gleich sein, denn Rucola, Roma, Lollo Rosso und Co. wissen längst – any press is good press. Aufmerksamkeit ist alles. Trotzdem, mir reichts und ich entscheide – auch diese Zeitung hat für heute verloren.
Einige Tage und Skandale-Meldungen später (wir sprechen hier von Ereignissen, von denen wir noch unseren Enkelkindern erzählen werden – die „Brötchen-Affäre des Bundespräsidenten“, „Die cleveren Tricks der Supermärkte“, „Neuer Milchskandal in China“ oder „Pestizide in Johannisbeeren“), habe ich mich entschlossen, im Urlaub nicht nur auf das Internet zu verzichten, sondern auch jeglichen Zeitungen, Zeitschriften, Magazinen und dem Fernsehen abzuschwören. Ist sowieso viel schöner bummeln zu gehen, und sich im Imbiss an der Ecke ein Würstchen zu holen. Ich weiß schließlich, was gut ist.
Gesagt – getan schlender ich also mit meiner Frau über die Einkaufsmeile und entdecken einen Bratwurststand. Zielstrebig darauf zugesteuert kommt, was kommen muss. Ein riesiges schwarzes T-Shirt mit weißer Aufschrift schiebt sich wie eine dunkle Wolke zwischen mich und die Wurst. „Die blutigste Karte der Welt- die Speisekarte! Stop den Leichenschmaus.“
Nicht die Heilsarmee oder die Zeugen Jehovas haben es auf meine Seele abgesehen. Heute sind es die Vegetarier. Was solls, wenn mir irgendwas in diesem Universum meinen Urlaub vermiesen will, dann muss es sich schon was Besseres einfallen lassen als diese lahmen Sprüche! Ich schlage zurück, verteidige meine wohlverdiente Urlaubsstimmung. Denn ich habe es auf die Wurst abgesehen. Ich mache demonstrativ einen Schlenker vor die Füße dieses „vegetarischen Menschenfischers“, entlang zum Wurstverkäufer, ordere lautstark zwei Thüringer mit Senf. Und eine für meine Frau. Ich ignoriere die Verständnislosigkeit in ihrem Gesicht, als ich die Würstchen inszeniert unter „mmmhh“ und „aaahhh“ hinunter schlinge. Jetzt erst recht, mein Carnivoren-Herz schlägt hastig. Meine Frau hat gerade zwei mal abgebissen, da sind meine zwei Thüringer schon Geschichte. Leider konnte ich den Snack in meinem Eifer überhaupt nicht genießen. Dann muss halt noch eins her. Und zwar so, dass der Typ mit dem T-Shirt das auch ja mitbekommt. „Schatz, wollen wir heute Abend noch grillen?“, „Oder lieber eine Bolognese machen?, „Wir könnten auf dem Rückweg auch nochmal beim Schlachter vorbei, da fällt uns sicher etwas Gutes fürs Abendessen ein!“. Ich schlinge und predige mein Fleischfresser-Dasein, und schlinge und predige.
Abends haben wir natürlich weder Bolognese gemacht, noch gegrillt. Nach der vierten Thüringer Bratwurst war mir so hundeelend dass ich für den Rest des Tages wirklich bedient war. Aber dem Typen im schwarzen T-Shirt habe ich es wirklich gezeigt! Im Namen aller, die von den Geistern ihrer Arbeit auch noch in den Urlaub verfolgt werden.
Euer
Jörg Reimuth

























